Tagung

Zukunft Bildungschancen

Online-Tagung, 15.-17. September 2021

Ein steiniger Bildungsweg gehört für viele Kinder in Deutschland zum Alltag. Denn Diskriminierung und Ungerechtigkeit machen auch vor den Schultoren nicht Halt. Welche neuen Bildungskonzepte sind also notwendig, um Bildungsgerechtigkeit zu ermöglichen? Als was muss sich der Ort Schule verstehen? Und was bedeutet das für die Lehrkräftebildung? Diese Fragen standen im Zentrum der digitalen Tagung „Zukunft Bildungschancen“, die vom 15. bis 17. September 2021 vom Zentrum für LehrerInnenbildung der Universität zu Köln (ZfL) veranstaltet wurde. Gemeinsam mit über 500 Akteur*innen aus Wissenschaft, Schule und Wirtschaft wurde über Bildungsungleichheit und mögliche Lösungsansätze diskutiert.

Big Idea

Warum wir diese Tagung veranstaltet haben

11 Millionen Schüler*innen besuchen 2021 in Deutschland eine Schule. Ihre schulische Bildung sichert ihnen nicht nur eine selbstbestimmte Zukunft, sie trägt auch zur Weiterentwicklung der Gesellschaft als Ganzes bei. Bildungschancen in Deutschland sind jedoch nicht gleich verteilt. Studien belegen, dass der Bildungserfolg in Deutschland nach wie vor von der sozialen Herkunft der Schüler*innen abhängt. Kinder aus bildungsbenachteiligten Elternhäusern haben es demnach schwerer im deutschen Bildungssystem zu bestehen oder sogar aufzusteigen als Akademikerkinder. Zu diesem Ergebnis kommt auch die Pisa-Studie von Dezember 2019. Sie bestätigt zudem, dass der akute Lehrkräftemangel in Deutschland das Problem zusätzlich verschärft.

Wir brauchen neue Bildungskonzepte

Trotz breiter Zustimmung in der Bevölkerung zu Maßnahmen für mehr Bildungsgerechtigkeit fehlt es bisher an wirksamen Konzepten. Ein Blick auf bildungserfolgreiche Länder wie Finnland zeigt, dass die Auseinandersetzung mit und Umsetzung von innovativen Konzepten erfolgversprechend ist. So geht Finnland mit alternativen Lehrkonzepten, wie der Auflösung der Fächerstrukturen in der Oberstufe, neue Wege. Schulen tragen in Finnland ein hohes Maß an Eigenverantwortung, da es zwischen Ministerium und Kommune kaum Zwischeninstanzen gibt. Und angehende Lehramtsstudierende müssen sich bereits im Bewerbungsverfahren um einen Studienplatz mit ihrer persönlichen Motivation auseinandersetzen.
Am deutschen Schulsystem wurde oft kritisiert, dass die Aufteilung der Schüler*innen auf die weiterführenden Schulen zu früh erfolgt. Das dreigliedrige Schulsystem ist zudem kaum durchlässig für einen schulischen Aufstieg.
Deutsche Schulen sind außerdem zu wenig digital. Das wurde während der Coronakrise mehr als deutlich. Das Meinungsforschungsinstitut Forsa kam in einer im Auftrag der Robert Bosch Stiftung durchgeführten Studie unter Lehrer*innen zu dem Ergebnis, dass die Schulen auf den Shutdown im März schlecht vorbereitet waren. Leittragende waren erneut Kinder aus einkommensschwachen und bildungsbenachteiligten Familien. Sie gerieten mangels digitaler Alternativen durch die Schulschließung in einen Lernrückstand.

Best Practice

Projekte, die gezielt bildungsbenachteiligte Kinder unterstützen, zeigen in Deutschland großen Erfolg. So hat die ZEIT Stiftung Ebelin und Gerd Bucerius vor einigen Jahren das Mentoring-Programm WEICHENSTELLUNG ins Leben gerufen. Hierbei kooperiert sie auch mit dem Zentrum für LehrerInnenbildung der Universität zu Köln. Das Zentrum für LehrerInnenbildung richtet in Köln unter anderem das Teilprogramm WEICHENSTELLUNG für Viertklässler aus. Es unterstützt Grundschulkinder, die die Voraussetzungen für den Besuch des Gymnasiums erfüllen, diese Chance jedoch ohne Unterstützung nicht wahrnehmen können. Studierende begleiten die Kinder beim Wechsel auf die weiterführende Schule im Rahmen ihrer Praxisphasen. 360 Kinder wurden und werden bereits auf diese Weise gefördert.

Was tun?

Eine Herausforderung in der Ausbildung angehender Lehrkräfte besteht darin, sie auf einen gesellschaftlichen Wandel vorzubereiten, der sich nicht genau vorhersagen lässt. Heutige Lehramtsstudierende müssen für eine Welt von morgen ausgebildet werden, in der sie ihrerseits Schüler*innen dafür fit machen, Anforderungen von übermorgen zu meistern. Angesichts dieser Ausgangssituation hat sich ein enger und flexibler Austausch aller beteiligten Akteure bewährt. Dabei sind auch die Hochschulen gefragt. Es gilt, innovative Ideen und Lehrkonzepte an den Hochschulen zu fördern und den Stellenwert des Themas Bildung in der Forschung zu erhöhen. Ebenso wichtig ist der Mut zum Experiment. Hierfür benötigen Schulen den nötigen Freiraum, aber auch eine gute Unterstützung.

Die Tagung

Mit der Tagung Zukunft Bildungschancen haben wir einen Blick auf die aktuelle Forschungslage geworfen, tragfähige Projekte vorgestellt und mit Expert*innen aus Wissenschaft, Schule, Wirtschaft und Medien besprochen, worauf es ankommt.

Zu Beginn der Tagung erklärte Prof.‘ Dr.‘ Nina Kolleck, Bildungsforscherin der Universität Leipzig, dass das zentrale Problem die soziale Ungleichheit sei. In ihrer Keynote zu „Zugangs- und Teilhabechancen in unseren Schulen“ verwies Kolleck darauf, dass sich Bildungsungleichheit vor allem in regionalen Disparitäten, Bildungsbarrieren und bei der sozialen Herkunft zeige. Da die Schule ein zentraler Ort sei, um Bildungszugänge zu erleichtern, müsse vor allem das Bewusstsein von Lehrkräften für die sozialen Hintergründe der Schüler*innen geschärft werden. Kolleck schlug außerdem vor, gemeinsames Lernen in Ganztagsschulen zu ermöglichen und sich auf bessere Bildungsübergänge und -netzwerke sowie auf das Arbeiten in multiprofessionellen Teams zu konzentrieren.

  • "Der Ort Schule ist neben der Familie die wichtigste Sozialisationsinstanz."
    Prof.' Dr.' Nina Kolleck
    Prof.' Dr.' Nina Kolleck

Auch Prof. Dr. Marcel Helbig, Arbeitsbereichsleiter „Strukturen und Systeme“ am Leibniz-Institut für Bildungsverläufe, knüpfte an diese Teilhabe-Problematik an. In seiner Keynote „(K)eine Schule für alle – Die zunehmende soziale Entmischung unserer Schulen und wie Corona die Situation verschärft“ stellte er die voranschreitende soziale Spaltung und Homogenisierung in Schulen dar. Dabei bezog er sich vor allem auf die Form der Grundschule. Anschließend betonte Helbig, dass die Corona-Pandemie diese Ungleichheit noch zusätzlich verstärkt habe. Die Lernrückstände seien gerade bei ohnehin schon bildungsbenachteiligten Kindern größer geworden. Bezüglich des zukünftigen Umgangs mit diesen Lernlücken warf Helbig wichtige Fragen auf und diskutierte zudem die bisherigen Reaktionen der Bildungspolitik.

  • "Das Bild der Grundschule als Schule für alle Kinder ist vielerorts nicht mehr haltbar."
    Prof. Dr. Marcel Helbig
    Prof. Dr. Marcel Helbig

In dem anschließenden Panel beschäftigten sich Myrle Dziak-Mahler, Kanzlerin der Alanus Hochschule für Kunst und Gesellschaft, der Unternehmer, Aktivist und Autor Gianni Jovanovic sowie Prof.‘ Dr.‘ Nina Kolleck mit dem strukturellen Problem des Bildungssystems. Dziak-Mahler berichtete von ihren eigenen Erfahrungen als erste Akademikerin in einer Arbeiterfamilie und Jovanovic hob die transgenerationalen Traumata hervor, die aufgrund von Rassismus gegenüber Sinti und Roma auch heute noch bemerkbar seien. Die Expert*innen waren sich darüber einig, dass Räume der Förderung und Sicherheit aktiv geschaffen werden müssen, um die aktuellen Strukturen durchbrechen und Ungleichheit zulassen zu können. Dazu gehöre neben einem stetigen Austausch auch, dass Lehrkräfte richtig geschult und an die Hand genommen werden, beispielsweise dadurch, dass bereits im Studium die Lehramtsausbildung vor dem Fächerstudium stattfinde.

  • "'One size fits all' kann nicht funktionieren. Und so ist es auch mit der Gerechtigkeit. Wenn wir es für alle gleich machen, gleichen wir nicht die Unterschiede in der primären Sozialisation aus."
    Myrle Dziak-Mahler
    Myrle Dziak-Mahler

Neben den lehrreichen Keynotes und Panel Talks wartete obendrein ein breit gefächertes Parallelprogramm auf die Teilnehmer*innen der Tagung „Zukunft Bildungschancen“. Die Sunrise Talks widmeten sich verschiedenen Ausprägungen von Ungleichheit.

Marina Weisband
#ressourcen: "Handeln lernen – Warum wir eine zweite Welle der Aufklärung brauchen"
Prof. Dr. Kai Maaz
#digitalisierung: "Umgang mit Heterogenität, Kompetenzarmut und Bildungsungleichheiten als Schlüsselherausforderungen im Bildungssystem. Was kann Digitalisierung leisten und was nicht?"
Prof. Dr. David Gillborn
#diversity: "Racism, Education & the Problem of Whiteness“
Kaarel Rundu
#strukturen: "Fordern und fördern – Einblicke in das estnische Schulsystem"
Prof.' Dr.' Christiane Bongartz
#mehrsprachigkeit: "Was wäre, wenn? - wider die sprachliche Enteignung"

Im Rahmen des Projekts MITgestalten beteiligten sich außerdem sieben Schüler*innen und eine Schulklasse an der Tagung. Die Schüler*innen konnten in einem eigenen Filmbeitrag sowie in Barcamp-Sessions und Speaker-Interviews ihre Meinung einbringen. Unter anderem beschäftigten sie sich dabei mit dem Rassismus an deutschen Schulen und den Auswirkungen des Klimawandels auf Bildungschancen. Die Ausführungen der Schüler*innen sorgten für einen wichtigen Perspektivwechsel in der Diskussion über Bildung. Die Ergebnisse finden Sie hier.

Für eine weitere Perspektive sorgte der Unternehmer, Aktivist und Autor Gianni Jovanovic in seiner „Hommage an Frau Bernecker“. Dabei würdigte er seine ehemalige Lehrerin, die sich damals für seine Versetzung auf die Hauptschule stark gemacht hatte. Die berührende und eindringliche Performance schilderte das Engagement einer Lehrerin, die sich für ihre Schüler*innen auch außerhalb der Schule einsetzte. Aufgrund des allgemeinen Rassismus gegenüber Sinti und Roma habe Jovanovic nicht nur Gewalt und Hass erleben müssen, sondern seien ihm ebenso die Zugänge zu Bildung verwehrt worden. Zustände wie dieser seien auch heutzutage noch aktuell.

  • "Wir brauchen ein besseres Morgen. Ich wünsche euch allen, dass ihr eine Christiane Bernecker werdet."
    Gianni Jovanovic
    Gianni Jovanovic

In einer weiteren Keynote brachte Dr.‘ Lisa Williams, Chief Equity Officer for the Fairfax Public School district, einen internationalen Blickwinkel mit ins Spiel. Unter der Devise „We don’t make history, we are made by history: the need to remake public education for social justice“ erklärte sie, dass es einen bewussten und klaren Paradigmenwechsel benötige, um neue Vorgehensweisen und somit auch bessere Ergebnisse in der Bildung hervorbringen zu können. Der Kontext sozialer Identität sei entscheidend für alle Bereiche des effektiven Lehrens und Lernens. Nur durch die Anerkennung und Förderung von Unterschieden könne sichergestellt werden, dass alle Schüler*innen Zugang zu geeigneten Bildungsformen bekommen. Laut Williams könne dieser Paradigmenwechsel nur dann gelingen, wenn sich nicht nur die Gegebenheiten, sondern vor allem die Menschen selbst ändern würden. Auf dem Weg hin zu einer sozial gerechten Bildungserfahrung bräuchte es vor allem Geduld und Einfühlsamkeit sowie ausreichend Zeit für Reflexion, Feedback und Konversation.

  • "Diversity does not mean deficit. It can mean creativity, innovation, opportunity."
    Dr.' Lisa Williams
    Dr.' Lisa Williams

Auf die Bedeutung von Feedback ging auch Daniel Jung ein. Der Experte für digitale Bildung und erfolgreiche Mathe-YouTuber machte in seiner Keynote „Die Welt ist im Wandel – Digitalisierung verändert das Lernen und Lehren“ auf den Nutzen des Internets im Hinblick auf additive Mediennutzung aufmerksam. Die Flexibilität und Reichweite digitaler Plattformen ermögliche es nicht nur, Wissen kostenlos in die breite Masse zu distribuieren, sondern auch in einen gemeinsamen Dialog zu treten. Für einen aktiven Verstehensprozess sei diese Interaktion mit anderen Menschen besonders wichtig. Jung betonte deshalb, dass digitale Hilfsmittel keineswegs als Ersatz für das zwischenmenschliche Lernen und Lehren anzusehen seien. Denn nur ein Mensch sei dazu in der Lage, Probleme im Lernprozess richtig zu identifizieren und zu bewältigen.

  • "Wir haben nicht die eine Lösung, wie die Schule der Zukunft aussieht, aber die Möglichkeiten sind besser denn je, gestalterisch nach vorne zu gehen."
    Daniel Jung
    Daniel Jung

Den Abschluss der Tagung bildete ein Panel, welches die neu gewonnenen Erkenntnisse zusammenfasste und eine Bilanz für zukünftiges Handeln zog. Die Expert*innen Ahmet Sinoplu, Daniel Jung, Prof.‘ Dr.‘ Argyro Panagiotopoulou und Dr.‘ Julia Ha waren sich darüber einig, dass Bildungsbenachteiligung hauptsächlich in Verbindung mit sozialer Benachteiligung stattfinde. Daher sei ein Paradigmenwechsel hin zu einer Anti-Diskriminierungsperspektive dringend erforderlich, um Chancengerechtigkeit im Bildungssystem zu ermöglichen. Dazu sei vor allem eine gesetzliche Grundlage wichtig, welche solch eine Strukturveränderung mithilfe eines Top-Down-Auftrags überhaupt erst realisieren könne. In Zukunft müsse auch außerhalb des schulischen Blickfelds durch die Formung von Bildungslandschaften und multiprofessionellen Teams der Raum für interdisziplinäres, projektorientiertes und kooperatives Arbeiten geschaffen werden. Dank der Digitalisierung gäbe es dafür inzwischen genügend Möglichkeiten der Vernetzung und Kommunikation. Außerdem müsse bereits während der universitären Lehrkräfteausbildung dafür gesorgt werden, dass angehende Lehrer*innen für Diversität und Interkulturalität sensibilisiert und sich zugleich eines lebenslang notwendigen Lernprozesses bewusst werden. Die Expert*innen kamen zu dem Schluss, dass Schule nur durch den Einbezug der Gesellschaft funktionieren könne und dementsprechend als ein Ort von Gemeinwesen verstanden werden müsse.

Die Tagung „Zukunft Bildungschancen“ hat die verschiedenen Dimensionen von Ungleichheit und Diskriminierung aufgezeigt, die zahlreichen Kindern in Deutschland noch immer den Zugang zu Bildung erschweren. Aus unterschiedlichsten Perspektiven wurden Einblicke gegeben und Ansätze vorgestellt, die diese Problematik zu durchbrechen versuchen. Dabei wurde deutlich, dass Bildungschancen mit sehr viel mehr als nur dem Blick auf Schule zusammenhängen. Deshalb gilt es insbesondere, das Konzept Schule durch multiprofessionelle Maßnahmen und außerschulische Kooperationen zu erneuern. Die Expert*innen blickten zuversichtlich in die Zukunft, da sich bereits viele Lehramtsstudierende mit dem Thema Bildungsungerechtigkeit beschäftigen würden und gewillt seien, dagegen anzukämpfen. Die Diskussionen und Errungenschaften der Tagung seien zudem eine Ermutigung, sich an neue Projektarbeiten zu wagen und dabei stets einen langen Atem zu bewahren.

Wir freuen uns, wenn wir gemeinsam einen Schritt in Richtung Bildungsgerechtigkeit gehen konnten und bedanken uns, als ZfL-Team, bei allen Speaker*innen, Teilnehmer*innen und Helfer*innen für Input, Fragen und Feedback und drei spannende, lehrreiche und motivierende Tage.

Mit freundlicher Unterstützung von